Lok und Wagen am Münchner Hauptbahnhof

Schrödingers Reisen

Lok und Wagen am Münchner Hauptbahnhof

Fährt er oder fährt er nicht?

Gestern kam ich dann doch nur acht Minuten verspätet am Münchner Hauptbahnhof an. Rechnet man weiter, dass ich die U-Bahn im Anschluss bei früherem Eintreffen womöglich verpasst hätte, also eigentlich kein bisschen später die heimische Tür erreichte als geplant, so klingt das nach einer erfolgreichen Reise.

Allerdings hätte eine mehrstündige Verzögerung mich wohl trozdem nur mehr weniger in Rage gebracht. Und das nach nur fünfzehn Minuten Warten in Stuttgart-Plochingen.

Stuttgart. Nicht nur in Zeiten von PR-Desastern wie das von s.o. 21 muss man sich fragen: was macht die DB (für was auch immer das Kürzel denn gerade stehen mag) denn da?

Dass die Volksabstimmung in Baden-Württemberg im Sinne von Rüdiger Grube, der sich erst vor einigen Tagen am Ulmer Hauptbahnhof auch ein persönliches Mini-PR-Desaster geleistet hat, als er auf eine leicht hämisch-debile Reporterfrage, ob der Bahnchef denn nicht mit der Bahn hätte anreisen sollen, eine gönnerhafte, abgehobene Antwort in ebensolchem Tonfall gab, ausging, ist ebenso gut wie schlecht für die Bahn.

Zum einen darf sie weitermachen was sie machen wollte. Zum anderen hat jedoch die Tatsache, dass es überhaupt zum Plebiszit kommen musste, gezeigt, dass man am Potsdamer Platz nicht nur gerne über den Menschen thront, sondern sich auch über ihre Meinung erhaben sieht. Das gilt nicht nur für die unvermeidlichen NIMBYs, die bei jeder Flughafenerweiterung mit dem BUND gemeinsame Sache für die Krötenautobahn nach Oberursel machen, aber sonst Recycling gerne “Müllverbrennungsanlage” buchstabieren. Es gilt auch, und das ist es ja, das Schlimme, für die eigenen Kunden.

Dereinst war die Bahn die Bundesbahn. So ineffizient, kopflastig und bürokratisch wie nur irgend möglich, diesseits des diktatorischen Polizeistaats. Aber das war egal, denn die Bahn fuhr. Pünktlich. Von A nach B, und wer nach C umsteigen wollte, der hatte, weil der Zug von A nach B ja pünktlich war, ausreichend Zeit dafür. Da nahm man denn auch den einen oder anderen Fahrkartenzange schwingenden sauertöpfischen Misanthropen in pseudopreußischer Uniform als unvermeidliches Kollateralärgernis in Kauf.

Dann kippte die Welt in Richtung Neoliberalismus um, und der Staatsbetrieb wurde teilentstaatlicht, und scheinbar ganz von seiner Hauptaufgabe befreit. Es wurden von einer nicht mehr nationalen Bahn überteuerte, übertechnisierte deutsche Züge von deutschen Unternehmen angeschafft, deren Neigetechnik mit deutschen Kurven nicht zurecht kam, und deren Klimaanlagen dem deutschen Sommer nicht gewachsen waren. Da das teuer war, wurde das eingespart, was für ein Serviceunternehmen offenkundig nicht wichtig ist: Menschen, die Arbeit tun, die es anderen Menschen ermöglicht, in einen Zug zu steigen und am anderen Ende wieder aus, und das halbwegs pünktlich und mit einem Stresshormonlevel nur wenig über Normalnull. Weil Menschen die nicht mehr arbeiten keine notwendigen Arbeiten verrichten können, blieben Gleise ungepflegt und Züge einfach stehen. Andere Züge wurden gleich ganz verkauft oder nicht mehr ersetzt, denn das würde ja nur Geld kosten das ein fast privatwirtschaftlicher Konzern nun nicht mehr hatte. Dass man sie in den regelmäßig auftretenden Notfällen des normalen Bahnbetriebs dann nicht mehr kurzfristig als Ersatz einsetzen konnte, um, wie war das nochmal, Menschen von Punkt A nach Punkt B zu bringen, scheint niemand aufgefallen zu sein. Oder zumindest niemand gestört zu haben.

Statt Bordrestaurants mit restaurantähnlichem Service machten sich mobile Brezelverkäufer und Bistrowagen breit, und Ansagen die mit Tim Mälzer und Alfons Schuhbeck werben. Die beide nur gemein haben, dass sie für alles Werbung machen, was ihnen angeboten wird, kochen können, und garantiert noch nie im ICE 519 nach Klagenfurt eine Linsensuppe mit Weißbrotsemmel aufgewärmt haben.

Unterdessen machte es die moderne Computertechnik nicht nur möglich, klägliche Geschwindigkeitsanzeigen in Schnellzügen zu zeigen, die jedem international bereisten Bahnfahrer unmissverständlich klar machten, dass man hier garantiert nicht mit auch nur TGV-ähnlichen Fahrzeiten rechnen konnte, da man irgendwie übersehen hatte, dass die meisten ICEs auf alten Strecken vor sich hin dackelten, und so manch einer das Kunststück fertig brachte, langsamer zu sein als der vorausfahrende EuroCity, obwohl der auch noch in Günzburg hielt. Sie brachte uns auch die Fahrkartenreservierung in letzter Minute, jene menschenverachtende Erfindung, die auf scheinbar wahllos ausgelosten Sitzen in ebenso wahllos ausgelosten Wagen per LCD “ggf. freigeben” grün leuchtend ankündigte. Das war vorerst der Gipfel einer Fuck-You Mentalität den Reisenden gegenüber.

“Bildet euch bloß nichts ein” sagt dieses “ggf. freigeben”. “Nur weil ihr mit fliegenden Fahnen, einem Schrankkoffer und zweieinhalb Kindern noch den sicheren Hafen von Abteil 32 erreicht habt, heißt das lange noch nicht, dass ihr hier sitzen bleiben dürft. Stellt euch vor, manche Leute kaufen nämlich Tickets nicht mit Rabatt, und haben sogar genug Geld um für 5 Euro einen Sitzplatz zu erwerben, falls sonst keiner mehr frei ist.” Nicht, dass man jemals eine Sitzplatzreservierung, die man regulär zum Ticket dazugekauft hat brauchen würde. Entweder der Zug ist so voll, dass man den Kampf, sich überhaupt zum vermeintlich freigehaltenen Sitz durchzuschlagen, gleich aufgeben kann und sich im Gang auf den Koffer setzt. Oder er ist so leer, dass man sich wie ein kompletter Idiot fühlt, wenn man drei Wagen weiter geht obwohl da eine ganze Vierergruppe frei ist, nur um herauszufinden, dass die gesamte Reisegruppe auf der Reservierung entgegen der Fahrtrichtung sitzt, neben dem chemisch und anders übel riechenden Klo, und vor der einen Schiebetür im ganzen Gespann, die nicht mehr zugeht.

Das heißt, falls man denn überhaupt seinen Zug erreicht. Den mit der Platzreservierung. Meistens verpasst man ihn denkbar knapp, und darf dann in den nächsten IC einsteigen. Der natürlich heute eine umgekehrte Wagenreihung hat, und zwei Wagen seit Köln sowieso schon nicht mehr mitführt. Man kann nur annehmen wegen defekter Schiebetüren und stinkender Toiletten. In dem Fall wartet man auch bei “bis zu 30 Minuten” Verspätung direkt am Gleis, falls es nur zwölf sein sollten, und friert sich ab was noch geht und nicht sowieso schon in Plochingen abgefroren ist.

Dabei bislang noch unerwähnt ist der inzwischen auch gar nicht mehr subtile Klassismus. Nirgendwo sonst gibt es noch Menschen zweiter Klasse, die auch so genannt werden. Ganz ungeniert. Und die sind wir fast alle. Das allein sollte einen am Geschick des Unternehmens zweifeln lassen. Wer die allermeisten seiner Kunden zu Untermenschen stilisiert erweckt keine freundschaftlichen Gefühle.

Die Klassenunterschiede bleiben auch bestehen wenn die zwei Wagen seit Köln fehlen, und man da doch eigentlich eine Reservierung hat. In die erste Klasse darf man trotzdem nicht. Der Gang ist ja breit genug zum Sitzen. Nein? Na ja, aber wenigstens zum Stehen, oder? Sie sind ja auch erst 85, das ist ja fast schon gar kein Rentenalter mehr!

Denn in der ersten Klasse sitzt Mann, im Anzug. Und unter sich. Der Rest von uns weiß nie genau ob einen der Schaffner des folgenden Zuges nicht kastigiert weil man sich keine Verspätung auf dem Sparpreisticket hat eintragen lassen und sich trotzdem erdreistet jetzt hier zu sein und sein Recht auf… Moment… von A nach B transportiert zu werden, einfordert. Man hat schließlich nicht genug Geld um mehr Geld für einen dünnen Katalog an Extraleistungen bezahlt zu haben.

Man weiß auch nicht, ob man da sitzen bleiben darf, wo man sitzt. Jenseits von “ggf. freigeben” Schildern erwachen manche Reservierungsanzeigen in neu bereit gestellten Zügen nämlich erst dann zum Leben wenn man sich schon längst heimelig verbarrikadiert hat, hinter Buch und Burger, Laptop und Latte Macchiato, weil man extra früher am Bahnhof war. Um Stress zu vermeiden.

In einem bangen Moment sitzt man dann entweder auf einer Reservierung oder nicht auf einer Reservierung. Aber das nette junge Paar mit den Haglöfs-Rucksäcken, die nie. Die steigen immer schon in Augsburg aus, wenn ihr Platz erst ab Mannheim reserviert ist.

Man selbst ist dagegen Schrödingers Reisender. Immer entweder schon da oder noch nicht, immer entweder unangetastet und Sitzenbleibendürfer oder Unerwünschter. Und bei der Bahn schert das keinen.

Es geht schließlich um die Kunden, nicht darum ob man Gleise unter Stuttgart verbuddeln darf.

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