Ceci n’est pas un iPhone: Konstruktive Dekonstruktionen eines Kulturobjekts aus dem frühen 21. Jahrhundert

Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese fundamentalen Fragen haben die Menschheit seit jeher bewegt. Schon Schlomo Schlauch, der Begründer unserer Disziplin schrieb 2080 in seinem nun erst gerade 2242 neu veröffentlichten Traktat über die Fundamente der Beweglichkeitswissenschaft: “Das erscheinen des tragbaren Multimediacomputers sagte die Integration der Digitalität in die Humanität hervor, präkludierte jedoch noch nicht die sensorische Diskontinuität im Sinne neuerer string-philosophischer Überlegungen eo ipso. Man könnte einfach formulieren: ich funke also bin ich.”

Sie sehen, ein heißes Thema, damals wie heute. Mein Anliegen am heutigen Halbtag soll jedoch sein, diese Definition nicht nur zu erweitern und zu widerlegen, sondern sie gänzlich durch eine andere zu ersetzen, die meiner eigenen Meinung widerspricht. Dies wird mir in zukünftigen Vorträgen die Aufgabe erleichtern, die geforderte Selbstkritik walten zu lassen. Sie werden mir daher den einen oder anderen Exkurs in die Teeforschung oder die Radikale Mediävistik verzeihen, geht es mir doch um das “Ganze des Ganzen” wie Oberstüb es in seinem Standardwerk Schlauch und das Movement des Movements: Wissenschaft als Widerlegung ihrer selbst im virtuell unabhängigen Alpenstaat des frühen 22. Jahrhunderts so treffend in einer Fußnote über digitale Limonade ausführte.

Die Teeforschung kann uns insofern behilflich sein, als dass traditionell ihre Perspektive auf das Kulturgut Tee durch eine erzieherische Brille verzerrt wird, und daher die Grundfragen für den Außenstehenden erst wahrhaft deutlich werden. Obschon ich mit Lemming und auch in einigen Punkten mit CoolDude19 übereinstimme, dass Kaffee, nicht Tee das alleinige zivilisatorische Koffeingetränk in den vergangenen sechs Jahrhunderten war (von einigen Welleneffekten während der Cola-Hegemonie abgesehen), so scheint mir doch eindeutig der Tee die gewöhnlichen methodischen und systematischen Fragen nach drei- und vierdimensionaler Picknickkunde befriedigender zu beantworten. Tee kann stets als das aktivere Getränk angesehen werden, wie Erhardt schon 1958 bemerkte: “Tee muss ziehen, Kaffee darf sich setzen”. Ich möchte Ihnen hier nur das Beispiel an die amerikanische Revolution ans Herz legen – hat Kaffee jemals eine Weltmacht begründet? Man mag mir erwidern: die kulturelle Saugkraft des Begriffs ist nicht groß genug, Tee wird allein in Großbritannien als Synonym für eine Mahlzeit angesehen, und das “Kaffee trinken” als partizipatorischer und gelegentlich implizit sinnstiftender Akt ist auch für Treffen ohne Kaffeeaufnahme gebräuchlich. Darauf habe ich keine Antwort, und gebe dies auch unumwunden zu. Nur ein Verweis auf die notwendige Beschränkung bei der Zusammenstellung des Datenkorpus kann hier Erklärung bieten.

Radikale Mediävistik dagegen, so werden die GUT-Physiker unter Ihnen bereits wissen, ist die Erforschung der Nichtexistenz von gut erhaltenen Burgruinen im Oberammergau unter dem alleinigen Gesichtspunkt eines altägyptisch-babylonischen Wissenstransfers vor der Erfindung der Waschmaschine. Diese sogenannte Wissenschaft verdient meiner Meinung nach die Bezeichnung als solche nicht, unterschlägt ihre wichtigste Theorie doch die Existenz des Waschbretts als Werkzeug stellar-frühneuzeitlicher Symbollehre absolut. Da mir ihr Name jedoch gefällt, muss sie hier als Beispiel herhalten. Damit möchte ich meine Ausführungen jedoch beenden, sie sind auf das Nötigste beschränkt.

Warum nun, werte Kollegen, erwähne ich das iPhone im Titel dieses ja doch recht allumfassenden Essays über die von manchen – wie etwa von Haberschlachter und Heuchelberg 2239 – kritisierte lediglich vierdimensionale Orientierung unserer Disziplin? Die Antwort hängt mit der verwendeten Methode eng zusammen. Ich veröffentliche diesen Aufsatz nicht nur auf den üblichen Wegen, sondern verwende die erstmals von Stephen Hawking Klon 7 angedachte prätemporale Publikation durch ein kleines, mit Flüssiggas und einer handelsüblichen Spielzeugsingularität (die grünen scheinen am besten zu funktionieren) geschaffenes Zeitloch im Jahre 2007. Ich erhoffe mir so die Beeinflussung von Zeitzeugen in der Vergangenheit, damit sie meiner Theorie in der Gegenwart eher entsprechen.

Damals wurde jeder Mist gelesen, solange er nur das Wort “iPhone” im Titel hatte.

Meine Damen, Herren, digitalen Entitäten und gewöhnlichen Geistwesen, ich danke Ihnen für Ihre mir offensichtlich zu 45% zuteil gewordene Aufmerksamkeit.

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