Rituale

Jedes zweite Frühjahr nehme ich Teil an einem modernen Ritual, das in anthropologischen Studien bisher kaum Beachtung fand. Ich bringe den Göttern des GSM ein kleines Geldopfer.

Nach ausgiebigem Blättern durch virtuelle Kataloge findet sich jenes Objekt, das mich von nun an auf Schritt und Tritt begleiten wird. Ein kleines technisches Wunderwerk aus meist finnischer Produktion, das mich in Verbindung hält, das mir wichtige Termine meldet und mich jeden Morgen mit penetrantem Pieps oder freundlichem Plappern aufwecken darf. In der zur Homezone erweiterten Heimat oder dank Multiband fast überall auf der Welt.

Die Verlängerung eines Handyvertrags ist die quasi-religiöse Bekenntnis zu einem technologisch unterstützten Lifestyle, die biannuale Wiederverbrüderung mit den Designpriestern die das 21. Jahrhundert für uns entwerfen. Mit jeder neuen Zweijahresfrist geben wir uns erneut hin, erkaufen per Monatsbeitrag die Zugehörigkeit zum großen Kult des Erreichbarseins.

Das Klischee vom Mobiltelefon als Pistolenersatz des Großstadtcowboys hält Stand. Nackt sind wir ohne das notwendige Dreigestirn aus Schlüssel, Geldbeutel und Funkfernsprecher. Eine Kombination, die viel über unsere Gesellschaft aussagt. Enthalten in ihr sind Identität, Kaufkraft und Freundeskreis. Man zeigt Stil oder Gadgeterie oder beides mit der Wahl des Geräts, unabhängig von sartorialen Gegebenheiten oder Vielfliegerstatus. Das Telefon als Gleichmacher der ungleich macht. Doch Pardon, inzwischen werden keine Telefone mehr verkauft, sondern, Zitat Umverpackung, “Multimediacomputer”.

 Unverständlich bleibt bei der grassierenden Überfeatureung dieser tastenbesetzten Schatzkästchen warum selbst ein Gerät aus der Königsklasse für die Hälfte der angepriesenen Funktionen so inhärent unbrauchbar ist. Natürlich könnte ich nicht nur meine CD-Sammlung auf die mitgelieferte Speicherkarte im Puppenhausformat befördern, sondern auch während des nur knapp lampenpfostenvermeidenden Gangs durch die Fußgängerzone die für die momentane Emotion notwendige Musik per Funkdownload kaufen. Doch wieso sollte ich, wenn der eingebaute MP3-Player den Akku nach nur zwei U-Bahnfahrten leergesaugt hat? Und wer braucht Bildtelefonie an der Bushaltestelle? Die Kamera auf der Rückseite macht zwar passable Bilder, doch scheint man allerlei Trickserei anwenden zu müssen um die dann aus dem Flashspeicher zu kitzeln. Trotz angepriesener Synchronisierungsfähigkeit mit allem was man auf dem Schreibtisch hoch- und runterfahren kann.

Vielleicht hat der unaufhaltbare Fortschritt diese Probleme bis in zwei Jahren gelöst. Bis dahin bleiben sie ständig präsente Zeugen des menschlichen Makels alles zu wollen, aber nicht zu können. Citius, altius, fortius – nicht melior, nur mehr.

Die gute Nachricht bleibt davon indes unberührt: dass es immer noch möglich ist, das Telefon zwischenzeitlich auszuschalten. Die Götter zeigen sich davon bisher unverärgert.

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