Und wieder tun wir grundschockiert

Prächtig. Erst war Abu Ghraib, dann hörte man Schlimmes von britischen Soldaten im Irak, dann die fast genauso erfolgreiche Fortsetzung “Neues aus Abu Ghraib”, und jetzt hat Deutschland seinen Armeeskandal.

Und allerorten tun Politiker so, als wäre das der erste, als könne man sich nicht erklären wie so etwas überhaupt und jemals je hat stattfinden können, und überhaupt, und in die Kamera sind wir sowas von schockiert.

Damit man mich nicht falsch versteht: Was in Afghanistan geschehen ist darf weder ungestraft noch unverachtet bleiben. Doch es gibt etwas, das wir mehr brauchen als allseitige Empörung über die Unbegreiflichkeit des Benehmens, das dort Repräsentanten unseres Landes – und damit willentlich oder unwillentlich auch unserer Werte – an den Tag gelegt haben.

Was wir aber außer der Untersuchungen und Bestrafungen, die nun folgen werden, noch brauchen, ist Einsicht. Die Einsicht, dass Menschen in außergewöhnlichen Situationen außergewöhnliche Dinge zu tun in der Lage sind. Dass dies weder das erste Mal war, dass ähnliches passiert ist, noch das letzte Mal bleiben wird. Die Einsicht, dass eine Armee, der der verantwortliche Minister einst moralische Unbedenklichkeit bescheinigte, sich nicht in die Tasche lügen kann. Denn das hieße die Abgründe menschlichen Verhaltens schlicht zu ignorieren.

Man muss aber auch sagen dürfen: Perspektive! In Abu Ghraib wurden lebendige Menschen unmenschlich malträtiert. Das Schlimmste, dessen sich die Deutschen in Afghanistan bis dato schuldig gemacht haben, ist eine monumentale Geschmacklosigkeit.

Was nun eben darum nicht passieren darf ist die alleinige Abstrafung der Schuldigen ohne die Weitsicht, sich zumindest um Prävention zu bemühen, so schwer das auch sein mag.

Sollte das nicht passieren bleibt nur medienwirksame Kurzzeitempörung, die vom nächsten Skandälchen bald überdeckt wird – und ein gestiegenes Risiko für den Rest der Soldaten am Hindukusch.

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