Zwei Aussagen in ebensovielen Fehlern oder: Die gefühlte Richtigkeit, Anwendungsbeispiel

Wer schafft so etwas? Richtig: Politiker. Stoibers Alleingänge hin, die geheuchelte Empörung der SPD über die Koalitionstreue der CSU her und das enervierte Aussitzzögern der selbsterklärten Antibasta-Kanzlerin dazu – geschenkt.

Norbert Lammert heißt der momentane Leitkulturler in Chief. Ob nun die deutsche Sprache im Grundgesetz als Landessprache festgeschrieben wird, weil sie sonst irgendwie in Gefahr wäre in Vergessenheit zu geraten (Preisfrage: in welcher Sprache wurde das Grundgesetz geschrieben?) ist diesem Meinungssager eigentlich relativ egal. Diese Diskussion führen Leute die sie interessiert, und ich bin auf alles vorbereitet. Und kann mich beruhigt zurücklehnen, denn sollte die deutsche Sprache im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland als Landessprache festgemeißelt werden, dann habe ich den immensen Vorteil, in einem Land zu wohnen, dessen Landessprache ich beherrsche. (Was das Bundesland angeht… das steht auf einem anderen Blatt.)

Was schockt ist das Niveau gefühlter Richtigkeit (vgl. die gefühlte Akkuratesse des SPIEGEL), auf dem die Diskussion sich bewegt. Norbert Lammert (Zitat auch aus dem SPIEGEL, aber wohl nicht nur gefühlt akkurat wiedergegeben): “Die Identität dieses Landes war, weit vor der Gründung des Nationalstaates, durch seine Sprache begründet, es wurde auch nach seiner Sprache “deutsch” genannt.”

1. Deutschland ist ein Nationalstaat, also ein “Land” im heutigen Sinne. Vor der Gründung des Nationalstaates gab es demnach kein Land “Deutschland”. Natürlich gab es Länder in denen deutsch gesprochen wurde, und dann gab es die großdeutsche Lösung und die kleindeutsche Lösung und viele andere schöne Details aus dem Geschichtsunterricht. Herr Deutschlammert mag zwar das Richtige meinen, aber indem er das heutige Deutschland mit einer mehr oder weniger als solche empfundenen deutschen Identität prä Bismarck gleichsetzt, macht er sich nicht gerade verdächtig, zu wissen wovon er redet.

2. Außer halt: Nicht. Wieder einmal mag der hochbeamtete Herr Lammert viel wissen und das richtige meinen, aber: Deutschland leitet sich nur über Umwege von den Deutschsprechenden ab. Wer gerne in Büchern über Dialektfamilien schmökert, der weiß, dass “theodiscus,” jenes schöne neulateinische Wort, sich von theoda (Volk) und der Silbe -iscus (zugehörig) ableitet. Die “theodisken”, also die Deutschen, waren zwar jene, die die deutsche Sprache sprachen, aber diese war die Sprache des “theoda”, also des Volkes. Man dreht sich also im Kreis, wenn man nicht beim “theoda” anfängt und danach die -isken anhängt. Ganz davon abgesehen, dass die deutsche Sprache, nach der das Deutschland denn benannt worden sein soll seit dieser elusiven vortelevisionalen Benennung nicht die gleiche geblieben ist, und wohl dem Englischen oder Niederländischen von heute genauso nahe steht wie dem heutigen Hochdeutsch.

Will sagen: Fast getroffen, Herr L. (Aber eben auch vorbei). Ich weiß, dass Sie es besser wissen. Aber bitte in einer Zeit, in der die Verirrtenpartei NPD unnötig viel Zulauf erhält herunterverdummte sprachnationale Propaganda (im Sinne des Nationalstaates, Sie verstehen) nicht auf eine solche Weise unter die Leute werfen. Die meisten von denen glauben das nämlich unbesehen. Nicht, dass es am Ende Mode wird mit vorgehaltenem Fingerschnurrbärtchen und einer Sprachpflegekampagne unterm Arm ein Deutsches Vaterland über die Grenzen der ersten Lautverschiebung hinaus zu fordern. Wäre Sprache allein Nationalidentität, dann müssten wir, diesen Denkstrukturen folgend, Österreich nämlich hurtig wieder mal heim ins Reich… pardon, Land holen. Und ansonsten geht da noch einiges.

Dazu befragen Sie, Herr Lammert, dann aber bitte zuerst die Polen. Nicht dass man wieder einen Weltkrieg lostritt, wo wir uns doch grade so ungut verstehen mit deren Keine-Bananen-weil-die-jetzt-kommt-das-Polenklischee-gestohlen-wurden Republik.

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