Versehentliche Liebeserklärung geographischer Natur

WeißBlau.jpgMünchen ist kein Ort von dem man träumt. In schlaflosen Nächten oder einer Kindheit in der Warteschleife vor einem hoffentlich großen, bedeutenden Leben. Nein.

München ist nicht das erklärte Ziel und nicht der deklarierte Olymp für irgendeine Branche oder das heißeste Pflaster für yuppieierende Up-and-Comers. Außer vielleicht sie arbeiten in der spannenden Welt der Rückversicherungen.

Hier gibt es drei Arten von Menschen; die die schon immer hier waren, die die jetzt gerade hier sind, auf der Durchreise nach wo sie eigentlich lieber wären, und die, die auf der Durchreise hängen geblieben sind. Das soll nicht heißen, dass es keinen Grund gäbe hier zu sein, oder dass es gar auf unterschwellige Weise unangenehm wäre. Denn es ist sehr angenehm hier.

München ist eine Stadt, die alles hat, besser: alles auch hat. Sie hat auch ihre Zahl an Kreativen, Verrückten und Verwirrten wie Berlin oder San Francisco. Sie hat auch ihre Finanziers, Firmenzentralen und knapp hundert Flugbewegungen pro Stunde wie Frankfurt. Sie hat auch die Opern, die Filmateliers, die Verlage und Musikstudios die sich an den jeweiligen Hotspots ihrer jeweiligen Professionen finden. Sie hat ihre Orte von Erfindungs- und Forschergeist. Sie hat ihre dunklen Stellen, und seien die hier auch bloß dunkelgrau.

Wäre unsere mitteleuropäische Gedankenwelt eine außer Kontrolle geratene Hausparty, dann fände man in Paris die Küche, in der all die philosophisch tangierten Gespräche stattfinden, und vielleicht in London oder L.A. das von den wirklich renitenten Gästen entweihte Elternschlafzimmer. Sucht das Arbeitszimmer in China, die Bibliothek in kleinen staubigen Archiven in kleinen staubigen Ländern, legt die Terrasse nach Kuala Lumpur oder Abu Dabi, und die Hobbygarage nach Australien, Afrika, Japan — egal. Mag sein, dass man den Ping-Pong-Tisch in Rom oder Rio aufgestellt hat, und dass jenseits von Indien eine Luke aufs Dach der Welt führt.

München wäre das Wohnzimmer. Hier reißt man sich zusammen um die Gastgeber nicht zu versäuern. Hier schlürft man den Begrüßungscocktail und tanzt recht ungelenk. Aber nähme man die Möbel auseinander oder verbotene Substanzen zu sich, die Nachbarn würden es sehen und Nase rümpfend nach den Ordnungshütern telefonieren. Das Wohnzimmer ist sauber, und bei Festbeleuchtung glänzt es. Hier zeigt man vor, was man will, dass gesehen wird. Feucht aufgewischte Straßen, U-Bahnhöfe, die Vierzehnjährige mitten in der Nacht ohne Angst allein benutzen, Häuserfronten in Pseudo-Renaissance und Neugotik, hie und da etwas Antike eingestreut. Die Musik spielt, aber nie zu laut.

subway.jpgEinmal im Jahr, zur Buffeteröffnung während des Oktoberfests, kommen die aus Küche, Keller und Gästeklo ins Wohnzimmer. Dann sitzt man besser schon auf der teuren Ledercouch oder findet so schnell keinen Platz mehr. Man amüsiert sich über die Eindringlinge, und kurzzeitig verbrüdert man sich mit ihnen. Aber wenn die auf dem Sideboard gereihten Delikatessenteller leergemampft sind, dann räumt das Wohnzimmer hinter denen, die dafür gesorgt haben, wieder auf und schläft im Fernsehsessel ein.

Aus München sind vor allem die einmal dagewesenen über die Stadt selbst hinaus bekannt geworden. Einstein. Sogar Lenin war einmal hier. Und selbst Franz Josef Strauss verpasste es knapp, in München zu enden. Jene, die hier ihr letztes zu Hause fanden, waren von ihrem größten Ruhm meist schon länger entfernt, so wie, gegensätzlicher geht es nicht, der widerlegte Moralist Erich Kästner und Leni Riefenstahl, die unverbesserliche amoralische.

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In der Wohnzimmerstadt steht ein großer Breitbildschirm für alles menschlich Interessante. Die Erdnüsse stehen im Kabinett daneben, das Bier ist gerade kühl genug. Tretet ein.

Aber vergesst nicht, draußen die Schuhe auszuziehen. Der Teppich ist tief und flauschig, und duldet keinen Straßenschmutz.

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