Taschenphilosophie

Volle Aufdeckung gleich zu Beginn: Ich war nie Pfadfinder. Ja, ich hatte mehr Taschenmesser als dass ich mich noch an die genaue Zahl erinnern könnte. Aber nicht weil wirklicher Bedarf existierte. Die Äste, die ich in der Jugend in entweder nicht benötigte Wanderstöcke oder einmal benötigte Würstchengrillinstrumente schnitzte hätten die gut geschärfte Klinge eines einzelnen Wenger-Taschenmessers sicher nicht überfordert.

Aber Taschenmesser haben in meiner Obhut die Angewohnheit zu verschwinden. Manchmal offensichtlich, wenn sie aus der Tasche bei einer heftigen Hüpfbewegung in den Fluss fallen. Manchmal unversehens beim Umzug oder durch Verleihen und Vergessen.

Doch darum soll es nicht gehen. Nicht heute. Vielmehr soll die Tasche selbst Objekt der Abhandlung werden. Ich habe nämlich bemerkt, dass es, wie bei wohl den meisten Dingen, auch für Taschen verschiedene Typen von Menschen gibt. Ich bin der Pfadfindertyp.

Chocolate Bag. Via flickr von loungerie

Der Pfadfindertyp sucht sich seinen täglichen Begleiter zum Über-die-Schulter-Hängen oder Auf-den-Rücken-Packen vor allem nach einem Kriterium aus: Die Tasche muss Platz für alles haben. War’s im Wilden Westen noch mit dem Doppelhalfter für die Colts getan, so muss heute ein ganzes Array Gadgets und Gedings mit. Was den Trend zur Männerhandtasche in den letzten Jahren hat ins Unermessliche wachsen lassen. Nur, psst: Nicht Männerhandtasche nennen, sonst fühlt sich der so ausgestattete Möchtegern-Metrosexuelle unterminiert.

Ohne Handy verlässt heute wohl keiner mehr das Haus, am allerwenigsten der Pfadfindertyp. Sei bereit, lautet da das Mantra. Dabei haben wir uns noch vor zehn Jahren alle gemeinschaftlich über die Wichtigtuer mit D2-Totschläger lustig gemacht. Meinung geändert, und Welt gleich mit.

Der moderne Geldbeutel darf auch schon lange nicht mehr nur ein paar Scheine, Gemünzklimper und eine EC-Karte beinhalten (nebst diesem schrecklichen uralten rosa Führerschein und dem schrecklicheren neuen Personalausweis auf dem auch jeder Normalbürger sich durch akutes Nichtlächeln gleich mal terrorverdächtig macht), sondern beherbergt mindestens zwölf Mitglieds-und Clubkarten unterschiedlicher Ausprägung. Von Payback über IKEA – gilt fatalerweise auch bei H&M – und Mitgliedsplaste der Videothek, in der man schon seit 5 Jahren nicht mehr war, bis zur Packstationsglitzercard und dem mondänen Bibliotheksausweis. Nur meine Conrad-Kundenkarte scheint verschwunden zu sein.

Natürlich ist diese Minitasche in sich auch wieder in der größeren Tasche zu verstauen. Ordnung muss sein, plus, bei dem Umfang passt das Portmonee, das ich jetzt absichtlich so schreibe, damit sich wieder wer über die neueste Neue Rechtschreibung ereifern darf, nämlich nicht mehr in die Hosentasche. Nicht mal mit Gewalt.

Bei Bedarf muss der Pfadfinder dann auch Gedanken sekundenschnelle niederkritzeln, also fehlt der PDA oder das Moleskine nicht. Plus Stift.

Der iPod muss natürlich auch mit, es sei denn man hat schon ein Handy, das auch Lieder spielt. Aber meistens kann es das schon fast nur so gut, dass man um den Extra-MP3-Spieler nicht herum kommt.

Da ja jede Minute die Sonne scheinen könnte, oder der Regen regnen, müssen auch die dazugehörigen Utensilien rein. Ebenso etwas möglichst Schweres zum Lesen, damit man die jederzeit erwartete Bruchlandung im Dschungel intellektuell auch übersteht. Zum gleichen Zweck dient der Laptop mit Solarzellenladegerät. Immer besser als etwas Überlebensnotwendiges wie eine Weltraumdecke oder eine Angelschnur.

Wenn man dann noch die Golfausrüstung, einen Ulmer Hocker, etwa sieben Staffeln Simpsons auf DVD, die Spiegelreflexkamera mit nicht unter neun Wechsellinsen, einen kleineren Gummibaum, einen größeren Bonsai, Kerzen, Streichhölzer, einen Breitbildfernseher, die Taschen-Buch-Ausgabe der gesammelten Werke von Edward Hopper, Joggingschuhe, eine George W. Bush Actionfigur und die Reader’s Digest Verson von “Sex for Dummies” eingepackt hat, dann fehlt eigentlich nur noch eines um Mary Poppins vor Neid erblassen zu lassen:

Via flickr von Toni_V

Ein Taschenmesser. Wo hatte ich das jetzt gleich nochmal…?

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