Jargon und seine Opfer

Diese Unterhaltungen haben sich so nicht ereignet. Diese
Unterhaltungen werden sich so nicht ereignen.

Diese Unterhaltungen sind das, was übrig bliebe, würde man das
halbinformierte Geschwurbel des stets entweder leicht überforderten
oder massiv unterforderten Elektronikfachverkäufers im Mega-
Elektronikfachmarkt unter Kenntnis seiner Gedanken wieder ins
Deutsche zurückübersetzen.

Schon verwirrt? Gut.

Dramatis Personae:

– Elektronikfachverkäufer des Mega-Elektronikfachmarkts
– Herr im mittleren Alter der leider keine Ahnung hat aber entrüstet
so tut als wüsste er alles
– Hyperaktive junge Dame, der man ihren Wunsch ausreden muss
– Junger Mann der Kopfhörer braucht
– Mutter mit geheimem Anliegen. Kinderwagen im Schlepptau.
– Diverse Teenager (unverschämt)

Erster Aufzug:

Deutschland Mitte der 00er Jahre. Ein Mega-Elektronikfachmarkt mit
vielen Parkplätzen. Wochentags, etwa eine Stunde vor Ladenschluss.
Der Elektronikfachverkäufer des Mega-Elektronikfachmarkts bewacht
seine Abteilung und sieht wiederholt auf die Uhr, weil seine Freundin
ihn bald abholen kommt.

Ein Herr im mittleren Alter (HIMA) der leider keine Ahnung hat aber
entrüstet so tut als wüsste er alles wagt es, sich dem
Elektronikfachverkäufer (EFV) vom – Sie wissen schon – zu nähern. Der
Elektronikfachverkäufer fühlt sich ertappt und tut freundlich.

HIMA: Tach, ich bräuchte da eine Festplatte.
EFV: Mist, Sie sind einer von der Sorte, oder?
HIMA: Äh, wie?
EFV: Na, Sie werden mir gleich sagen was sie brauchen aber nicht
genau wissen was das ist. Ich werde Sie dann freundlich darauf
hinweisen, dass Sie ja keine Ahnung haben, was ja auch stimmt.
HIMA: Wenn Sie meinen…
EFV: Eine Festplatte also. Intern oder extern?
HIMA: Für meinen Computer.
EFV: Also intern?
HIMA: Das ist ein ALDI-PC. Nicht der neuste, ne, sondern der davor.
Der vor zwei Monaten im Angebot war.
EFV: Mit so einem Schrott gebe ich mich normal gar nicht ab. Wetten,
dass Sie nicht mal wissen was da für ein Chip drinsteckt?
HIMA: Doch, der hat so zwei Megaflipflops.
EFV: Sowas gibts nicht.
HIMA: Nicht frech werden, Sie pickliger junger Fatzke. Ich weiß genau
dass der mehr als ein Megaflapflap hat!
EFV: Ok. Also für in den Computer zum einbauen, die Festplatte?
HIMA: Den kann man doch nicht einfach so aufmachen.
EFV: Nein, normal nur mit Schraubendreher. Sie nehmen den
Schraubendreher und drehen die Schrauben raus. Dann tun Sie die
Festplatte rein und drehen die Schrauben wieder zu.
HIMA: Ah ja. Ne, dann will ich doch lieber eine interne.
EFV: Für die brauchen Sie den Schraubendreher.
HIMA: Ne, grade ja nicht. Warum sagen Sie denn immer Schraubendreher? Das heißt doch Schraubenzieher!
EFV: Dann möcht ich Sie damit mal Schrauben ziehen sehen. Sie
brauchen eine externe Festplatte. Intern heißt drinnen, extern heißt
draußen.
HIMA: Ah ja, dann sowas. Was ist denn da Standard heutzutage? So
zwölf Megabyte?
EFV: Nein, normal mindestens so zweihundertfünzig Gigabyte.
HIMA: Das ist mir zuwenig, ich will da Filme drauf speichern.
EFV: Oioioi, Sie wissen ja wirklich nix.
HIMA: Tu ich echt nicht, aber das kann ich Ihnen gegenüber doch nicht
zugeben, sonst würden Sie ja am Ende noch kompetent wirken und ich
könnte mich bei meiner Frau, der Hilde, heute beim Abendessen nicht
beschweren, dass die Jugend heute zu nichts mehr fähig ist.
EFV: Wenn Sie wüssten! Ich tu ja nur so überlegen weil ich auch nicht
mehr weiß als was im Werbeprospekt steht. Gruß an die Hilde dann.
Nehmen sie die.

Er drückt dem Mann eine Festplatte in die Hand.

HIMA: Ach na gut, ich hab ja eh zu viel Geld und keine Lust mehr. Hat
die denn auch ein Feuerwehrkabel?
EFV: Was?
HIMA: Das hat mir mein Neffe gesagt. Johann, Alter, hat er gesagt, du
darfst dir nichts andrehen lassen ohne Feuerwehrkabel. Wahrscheinlich
war er um die Brandsicherheit besorgt.
EFV: Ah so. Ja, die hat sicher eins. Die hat auch einen Lüfter, falls
es doch mal brennt.
HIMA: Gut. Ich geh dann mal wieder und komm in drei Wochen zurück mit der nächsten Anfrage. Ich tu dann wieder so als ob ich alles wüsste.
Daran können Sie mich erkennen. Und an meiner grünen Jacke. Ist von
Land’s End. Lebenszeitgarantie.

Der Elektronikfachverkäufer hört schon nicht mehr hin. Während der
Unterhaltung hat sich eine Schlange gebildet. Ganz vorne steht eine
hyperaktive junge Dame mit einem Wunsch, der ihr ausgeredet gehört
(HAJD).

HAJD: Hey, Hi, cool, ich — yey — darf jetzt endlich studieren und
— das hat mich immer schon fasziniert, ich lern jetzt was über
Indianer und…
EFV: Toll, als ob mich das die Bohne interessiert. Von ihrer Sorte
kriegen wir täglich ein halbes Dutzend. Sie brauchen sicher einen
Laptop.
HAJD: Supi, ja, klar. Am besten einen der auch Google kann. Das hat
meine Freundin Mandy und… wowie!

Das Mobiltelefon der jungen Dame läutet mit der Melodie von
Aktuellernervigerpophit. Der EFV rollt mit den Augen.

HAJD: Ja, Mandy, grade jetzt! Stell dir vor! Grade in diesem Moment
steh ich da! Und — Neeeein! Nicht DER Johnny! Du Luder, du…
EFV: Räusper. Nicht dass das was hilft. Soll ich einfach einen Karton
holen mit einem Gerät das Ihnen viel zu groß ist? Könnte ich machen.
Dann wär uns beiden geholfen. Mir weil ich ihre Kaugummikauende
Visage aus meinem Bereich habe und Ihnen weil Sie dann damit
glücklich werden. Oder nicht. Mir doch egal.
HAJD: Neee, Mandy, das ist bloß der Verkäufer! (Schaut den EFV genau
an). Ne, der sieht nicht gut aus. Echt nicht. Ich muss jetzt Schluss
machen. Aber, was brauch ich nochmal? Ah okay, ja. Tschauie!
EFV: Ha, hier ist der Karton. Da hätten Sie nicht dran geglaubt, dass
ich so schnell den Karton hole, oder?
HAJD: Toll, ich mag aber den Karton nicht. Ich will lieber so einen
süßen kleinen Laptop. Die sind ja auch nicht so teuer.
EFV: Du dumme Kuh, ich muss dir doch was Überteuertes andrehen was in der Bibliothek dann so viel Krach macht wie ein Vorwerkstaubsauger.
HAJD: So einen kleinen süßen wollte ich. Die Mandy hat da diesen Film
gesehen, und da hatte die einen pinken.
EFV: Einen pinken Computer?
HAJD: Ja, ich will auch einen pinken Computer — hey hey hey!
EFV: So was gibt’s nicht mehr.
HAJD: Waaaas? Aber der Film ist doch noch gar nicht so alt! Höchstens
fünf Jahre.
EFV: Vor fünf Jahren gabs auch noch kein HTML ExtraPlus und keine
Untersee-13 Schnittstellen. Sowas wird heute nicht mehr produziert,
ich bitte Sie, OHNE Unterseeschnittstelle, wer würde denn sowas wollen?
HAJD: Ich. Ich will was pinkes, jabbadabbaduuu!
EFV: Wie wär’s wenn Sie jetzt den einfach kaufen?
HAJD: Nö, pink sollte der schon sein. Meinen Sie ich kann einen
weißen nehmen und dann eine Sprühdose pink draufsprühen?
EFV: Ja. Aber mit den weißen kenn ich mich nicht aus. Das macht der
Kollege. Ich bin nur zuständig für schwarz bis hellblau.
HAJD: Hellblau gibts?
EFV: Nein, aber ich bin dafür zuständig. Jetzt stellen Sie sich bitte
noch fünf Minuten vor den weißen und tun so als ob Sie wissen würden
wie man damit umgeht. Wenn dann der Diebstahlsalarm klingelt weil der
viel zu sensibel ist dann werf ich Ihnen noch mal einen bösen Blick
zu und dann gehen Sie und kommen erst wieder wenn Sie einsehen, dass
pink keine Farbe für Technik ist.

Die Dame schlägt noch neben dem Waschmaschinenregal ein Rad und fällt
auf einen Mieletrockner. Während der restlichen Gespräche kommt
irgendwann der Notarzt und kann nur noch den Hirntod feststellen.

Der junge Mann, der Kopfhörer braucht (Kopfi) wendet sich an den
unerschrocken kompetenten EFV.

Kopfi: Ich brauch Kopfhörer.
EFV: Nimm doch erst mal die ab, die du grad aufhast.
Kopfi: Mann, deswegen brauch ich doch Kopfhörer! Die sind hin! Voll
Scheiße, sechs Monate bei voller Lautstärke und schon hin! Mistmarke,
Taiwanesischer Scheiß!
EFV: Kopfhörer sind da drüben. Kann man auch aufprobieren. Dann
kannst du gleich krass abchecken ob die laut genug sind, Kopfi!
Kopfi: Yeah! Kann ich auch die In-Ohr-Kopfhörer ausprobieren?
EFV: Nein, die sind ja im Ohr.
Kopfi: Aber wenn ich da den Klang nicht testen kann, warum bin ich
dann hier im Mega-Eletronikfachmarkt und bestell mir die nicht für
zwanzig Euro weniger im Internet?
EFV: Da hab ich natürlich keine Antwort drauf. Aber wenn das alle
machen würden hätt ich nichts zu tun.

Die Freundin des Elektronikfachverkäufers (die ihn abholen will) lugt
hinter den Kühlschränken hervor. Weil sie so aussieht werden wir sie
“Ische” nennen.

EFV: (Hat seine Ische immer im Auge) Wer ist der nächste? Sie
vielleicht?

Die Mutter mit dem geheimen Anliegen (Frau Kinderwagen) nickt. Sie
zieht die Handbremse ihres Kinderwagens an, damit Baby nicht
wegrollen kann.

Frau Kinderwagen: Ich will ein… (sie winkt den EFV herbei und
flüstert ihm etwas ins Ohr).
EFV: Holla die Waldfee, Frau Kinderwagen! SOWAS haben wir hier aber
nicht.
Frau Kinderwagen (wird rot): Oh, tschuldigung. Ich dachte bloß, der
Lukas, mein echt total verständnisvoller Mateteetrinkender Verlobter
fände das sexy. Er… (sie flüstert dem EFV wieder was ins Ohr).
EFV (tauscht amüsierte Blicke mit seiner Ische aus): Das ist schonmal
viel zu viel Information, Frau Kinderwagen! Aber der Lukas; Ha!
Sicher! Nur da müssen Sie zum Mega-Erotikfachmarkt, nicht zum Mega-
Elektronikfachmarkt.
Frau Kinderwagen: Ist mir das jetzt aber peinlich. Ich würd am
liebsten im Boden versinken. Da drüben liegt ja schon eine tot
zwischen den Waschmaschinen, ob ich mich da temporär dazugesell?
Können die unverschämten Teenager hinter mir nicht schnell auf Baby
Kinderwagen aufpassen?
EFV: Machen die sicher gern.

Die unverschämten Teenager hinter ihr verhalten sich total
klischeehaft. Sie klauen ein paar Starkstromkabel, spielen ein paar
Computerspiele, und benutzten den Kinderwagen samt Baby als
überdimensionales Skateboard.

EFV zieht seine Mega-Elektronikfachmarktkluft aus und küsst seine Ische.

EFV: Super, Ische. Jetzt ist meine Schicht vorbei.
Ische. Super, Elektronikfachverkäufer. Wie wär’s wir schauen noch
schnell im Mega-Erotikfachmarkt vorbei?
EFV: Super Idee, Ische.
Ische: Super, Elektroni!

Im Hintergrund legt sich Frau Kinderwagen mit Bedacht neben die tote
hyperaktive junge Dame.

Geist der toten hyperaktiven jungen Dame: Sie auch hier, Frau
Kinderwagen? Stellen Sie sich vor, im Leben nach dem Tod gibt es
pinke Laptops! Ich ruf gleich mal die Mandy an…

Nur der Herr im mittleren Alter der leider keine Ahnung hat aber
entrüstet so tut als wüsste er alles ist nicht mehr hier. Er ist auch
in den Mega-Erotikfachmarkt gefahren, wo er gleich noch auf seine
Tochter Ische treffen wird. Die beiden werden die Begegnung bis zu
ihrem Lebensende mit keinem Wort erwähnen.

Nächstes mal: Das Sportgeschäft wird mit Obi verwechselt. Lustigkeit
erfolgt.

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