Design

In dieser Ausgabe der Beschwerdenbriefe an das große Nichts ein schon länger auffälliger Missstand: Die Welt – und damit meine ich den Teil davon, der vom Menschen für den Menschen geschaffen wurde – ist hässlich, und noch dazu unpraktisch. Das fällt einem erst gar nicht auf. Sie ist eben so.

Letzte Woche brachte mich ein Besuch der Pinakothek der Moderne zusammen mit einer kunstgebildeten Freundin diesem Umstand jedoch wieder schmerzlich nahe. Für den, der noch nicht das Glück hatte diesen Tempel des Interessanten im Münchner Museumsviertel selbst in Augenschein zu nehmen, folgt nun in wenig mehr als drei Zeilen eine kleine Einführung.

Die jüngste Pinakothek (leider hat sich meine persönlich bezorzugte Übersetzung “Bilderei” analog zur “Bücherei” für Bibliothek nicht durchsetzen können) ist von außen einer dieser Betonbauten die kurz nach Eröffnung modern und stilsicher wirken, aber nach geschätzten dreißig Jahren verbraucht und abbruchsreif. Drinnen gibt es allerlei Bestaunenswertes. Bilder natürlich, Kunst am Bau, Statuen und Objekte.Als erstes zieht es mich dort immer magisch ins Untergeschoss. Dem dräuenden Colani-Flugdrachen entgegen; Eero Aarnio Stühle probesitzen, museale Autos anstarren. Danach ein Ausflug in eine gut behütete Welt schöner Dinge.

In langen, durch Trennwände durchbrochenen, Räumen wird hier Industriedesign aus drei Jahrhunderten feilgestellt. Alle Designklassiker des 20. Jahrhunderts findet man da. Bauhaus und HFG, italienisches Design, skandinavisches Design, japanisches Design. Ein amerikanischer Toaster von vor hundert Jahren. Sitzmöbel. Unterhaltungselektronik. Eine beachtliche Sammlung von Computerdesignglanzstücken: Der erste Macintosh (Hartmut Esslinger). Die unübertroffenen No-Nonsense-Linien der frühen IBM Thinkpads (Richard Sapper). Dazu so manche kühne Idee die nie die Düse einer Spritzgussmaschine erblickte.

Viel davon findet sich online hier wieder. Philosophisch beschrieben und preisausgezeichnet.

Etwas gleichzeitig schönes und gebrauchbares zu schaffen, das sich dann auch noch millionenfach industriell fertigen lässt gehört wohl zu den ganz großen kreativen Leistungen. Dennoch werden diejenigen, die das fertigbringen oft so vergessen wie der Cutter eines Sommerblockbusters. Beim Stöbern auf red-dot treffe ich viele alte Bekannte wieder. Dinge, bei denen man denkt: richtig, das fand ich immer schon toll, und auch solche bei denen man die Stirn runzelt und sie gleich wieder im Schrank versteckt.

Über Geschmack lässt sich streiten, über die Notwendigkeit von Design nicht. Hätte die Ulmer HFG, deren unbestrittener Fan ich immer noch bin, nicht bereits lange vor meiner Zeit ihre Pforten schließen müssen, dann hätte ich sie vielleicht auch einmal besuchen dürfen. In einer alternativen Welt. So muss ich mich damit bescheiden, während meiner einjährigen Arbeitsverpflichtung in ihren Räumen zumindest einmal die eine oder andere kurze Diskussion über die Formgebung von Mobiltelefonen mit einem ihrer Übrigbleiber und Verursacher von Deutschlands Stapeltassen gehabt zu haben. Das ist doch auch schon mal was.

%d bloggers like this: