Bahntraum

Sie werden es wieder tun, wie immer. Da spielt es keine Rolle, dass
Menschen tot sind, da werden die ahnungslosen Opfer entweder zu
Märtyrern einer grandiosen neuen Technologie oder zu Symbolen der
Unausgereiftheit einer noch nicht zuende geforschten
Fortbewegungsmethode.

Die vage als “Experten” titulierten werden heuschreckend in
Talkrunden die Lage der Nation nach dem Transrapid diskutieren. Und
wieder wird es zwei Lager geben, die verträumten Idealisten ohne
Realitätsbezug und die aus Prinzip dagegenen Verweigerer,
Realitätsbezug ebenfalls fraglich.

Dazwischen vielleicht ein paar Grüne die in einem faszinierenden
Gedankenexperiment seit Jahren sowohl gegen den Ausbau des
Flugverkehrs wie auch den überhaupt-einmal-Bau der Magnetschwebebahn
sind, und tief in ihrem Herzen eigentlich begreifen müssten, dass
zweiteres ersteres mindestens einmal teils ersetzen könnte. Als ob
eine Magnettrasse das Landschaftsbild mehr störte als die ach so
natürlichen konventionellen Gleise die heute liegen wird Sturm
gelaufen gegen etwas, dem man nicht einmal die Chance geben will,
sich zu beweisen. Gleichzeitig mokiert man sich über den inhärent
lauten, schmutzigen und sowieso dekadent unnötigen Flugverkehr. Keine
Mehrheitsposition, denn eine Masse Menschen plötzlich zum Umdenken
bringen zu können hofft auch der kühnste Environmentalist nur nach
Abschaltung seines Sinns für die Wirklichkeit.

Wo bleibt unter diesen drei Positionen der verhaltene Optimismus, der
uns eigentlich so gut zu Gesicht steht?

Dass der Superzug aus der Zukunft nicht hundertprozentig sicher ist
muss jedem Menschen mit dem durchschnittlichen Denkvermögen selbst
eines Nachmittagstalkshowteilnehmers klar sein. Nichts ist
hunderprozentig sicher. Das hat aber nach Eschede die Bahn nicht
daran gehindert, neue Generationen ICEs zu entwickeln. Und auch nach
dem vielbeschworenen 11. 9. setzt man sich unter Wehklagen über
absurde Sicherheitsbestimmungen trotzdem wieder und wieder auf die
Fauxledersitze der Economy – respektive die etwas teureren Fauxleder-
das-fast-wie-echtes-Leder-aussieht-Sessel von Business und First.

Warum? Der Mensch mag wohl ein Herdentier sein, aber zumindest ist er
das mobil. Grasend auf den weiten offenen Prärien der viel zu kleinen
Welt unseres jungen Jahrhunderts. Sich mit Sack und Pack über Ozeane
schleifend, nomadierend… überbordende Metaphern benutzend.

Das Problem mit dem Transrapid ist nicht, dass er inzwischen schon
viel zu teuer ist ohne je einen Passagierkilometer im echten Betrieb
auf deutschem Boden zurückgelegt zu haben. Es ist auch nicht ein
Unwohlsein gegen etwas so science-fictioneskes, das ohne Fahrer und
ohne Bodenkontakt daher kommt. Es ist nicht einmal der gesterncoole
Name, der an alpenvölkischen Nahverkehr erinnert.

Das Problem mit dem Transrapid ist, dass weder die dringende
Notwendigkeit für seinen Einsatz gegeben ist, noch der politische
Wille. Einer dieser Faktoren allein würde wohl schon reichen um das
Produkt zumindest tentativ in die Welt zu setzen.

Als in den 1860ern und 70ern die erste transkontinentale
Eisenbahnstrecke durch den bald nicht mehr Wilden Westen geklöppelt
wurde, gab es Enthusiasmus dafür, und Notwendigkeit, und eben den
politischen Willen. Dass selbst dieses Grand Oeuvre des
amerikanischen Kapitalismus nicht ohne staatliche Subventionen auskam
zeigt deren Notwendigkeit für Verkehrsgroßprojekte. Insofern sind die
oft bekrittelten Millionen für die neue Technik auch heute zumindest
theoretisch (wenn auch eben momentan nicht praktisch) von Gegenwert.

Allein: Dereinst, zwischen Apachenstämmen und Büffelherden, gab es
keine Alternative. Heute gibt es mehrere. Auf den Transrapid zu
setzen hieße auf die Zukunft zu setzen ohne dafür in der Gegenwart
viel zu erhalten. Natürlich ist der Zeitgewinn bei 500 schwebenden Km/
h im Gegensatz zu 300 gleisgebundenen bei all den Zwischenhalten die gemacht werden müssen nicht enorm. Die Idee
Magnetschwebebahn schafft aber weitaus mehr als die heutigen 500. Der
Zug auf 1435mm Spurweite kommt dagegen jenseits der 400 langsam an
seine Kapazitäts- und Sicherheitsgrenze.

Die naheliegendste Lösung fällt wieder einmal von vornherein unter
den Tisch: Heute brauchen wir den Transrapid nicht. Morgen vielleicht
schon. Lassen wir ihn dann heute einfach sein. Bauen wir ihn dann,
wenn er wirklich gebraucht wird. Das mag nicht elegant sein, nicht
vorausschauend, und auch den Patenthaltern kein Geld in die sowieso
viel zu vollen Industriekassen spülen.

Vielleicht ist der Bahntraum vom Fliegen vorerst ausgeträumt. Wenn
aber die Technik sich als brauchbar und notwendig erweist, dann wird
er weiter geträumt werden, und irgendwann einmal realisiert.
Fortschritt heißt: zwei Schritte vorwärts, dann einen zurück. Nie
umgekehrt.

Geben wir dem Unfall vom September 2006 nicht eine unverdiente und
unnötige Zentralstellung in einer sowieso schon ausdiskutierten
Debatte; beklagen und betrauern wir die Opfer. Benutzen wir sie nicht.

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