Es lebe die Entschleunigung

Eigentlich geht mir das gegen den Strich, was Frau Finger da in der Zeit schreibt: “Fliegen ohne Handgepäck – wäre das so schlimm?” fragt sie.

Nein, ich bin kein Vielflieger. Deswegen steht meine Bonusmeilenzahl auch immer noch knapp unter der magischen 30.000 für einen Freiflug, und das nach fünf Jahren Sammeln. Aber ich mag das Fliegen, wie die häufigen Erwähnungen auf dieser Welle zeigen. Und ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts. Richtig gehört: des 20.

Zeit - Uhr an der S-Bahn Haltestelle Besucherpark

Das 20. Jahrhundert brachte uns die Ubiquitionalisierung (um ein überflüssiges Wort in Umlauf zu bringen) der “Zeit ist Geld” Maxime. Technik und Industrie und Uhrwerk – Chaplin lässt grüßen – griffen zahnrädrig ineinander bis der Tag durchgeplant und das Jahr terminiert war. Und das verstehe ich, sei es auch nur weil es gewohnt ist.

Nun kommt die große Kehrtwende, Zeitenwende, so schreibt zumindest die Zeitautorin. Entschleunigt euch! Das finde ich deshalb so verlockend, weil das einer meiner zwei Seelen mehr als entspricht, und zwar jener die jetzt nach abgeschlossenem Studium so leicht mäandernd durch die Gegend denkt. Keine unbedingten Termine. Keine knappen Deadlines.

Die andere langweilt sich aber zu Tode. Die braucht Vorgaben, Fahrpläne, das Hetzen mit dem Rollkoffer zum ICE, auch wenn einen der bloß zum Saunieren in heimische Gefilde fährt. Am meisten kämpfen die – überstrapaziert metaphorisch ausgedrückt – faustischen beiden wenn es gilt, pünktlich zu sein. Die eine rennt schon, die andere schaut gemütlich erst noch einmal in den Briefkasten, weil der grade auf dem Weg liegt, und hält die Tür auf für den gemütlich aussehenden Herrn mit Hund. Gehetzte Unbekümmertheit regiert.

Wie wäre es da schön, wenn die Entschleunigung sich als Gesellschaftsziel durchsetzte. Wieso musste denn bis dato immer alles schneller gehen? Vom Brief zum Telegrafen zur E-Mail zur Instant Message? Weil wir weniger Zeit haben? Blödfug, wir haben mehr! Mehr als jene, die im 18. Jahrhundert Weltbewegendes schafften. Mehr als Shakespeare, mehr als Schiller, statistisch gesehen. Und die hatten auch noch keine der verschnellernden Hilfsmittel zu denen es mich als Technophilen so magisch zieht.

Frau Finger hat recht, kommt mir die Erkenntnis. Kein Handgepäckgewusel. Keine Echtzeitelektronik, die einem hilft diese wichtige, wichtige E-Mail zu schreiben während man über den Wolken hängt. Das Fliegen als institutionalisierte, gar sanktionierte Zeit weg von der Zeit. Ohne den Zwang konnektiert zu sein. Muss zur Muße.

Da passt es ins Konzept, dass es ab Ende des Jahres kein Internet mehr im Flieger geben wird, und keiner die Tatsache größer beweint. Gehen wir weiter! Ich plädiere für die Wiedereinführung der Transatlantikpassage per Schiff. Von mir aus beschleunigt auf, sagen wir… drei Tage? Als alternative Anreise zu Sales-Konferenz und Inselurlaub, oder um ganz simpel zu bemerken, dass der Ozean ein Ozean ist, und nicht vier langweilige Stunden vor Neufundland.

Und Bahnabteile mit “Bitte nicht stören” Riegel. Ticketkontrolle am Eingang, dann Ruhe: Danke, ich habe bis Hamburg gebucht und will kein Handygebimmel und keine mobilen Brezelverkäufer bis dahin.

Es würde mir wohl gefallen, das entschleunigte 21. Jahrhundert.

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