Besonders nach dem 11. September

Letzte Woche gab es wieder mal Anlass zu einer ganzen Bandbreite an Emotionen, ursächlich: eine Nachricht.

Der gemeingefährliche Überterrorist Zacharias Moussaoui wird nicht den Märtyrertod sterben dürfen, sondern lebenslang eingesperrt. Jimmy Stewart wäre stolz: Amerikas Rechtssystem funktioniert tadellos. Was dann auch den Herrn Präsidenten Bush ärgerte, denn der sieht sich im Herzen immer noch als Texaner und hätte ein Giftspritzenbarbecue à la al-Kaidienne vorgezogen.

Sei’s drum. Die Kommentatoren überschlugen sich. Europa freut sich erstmal, dass selbst die manichäisch Fundamentalistenbibeln schwenkenden amerikanischen Grobiane anscheinend doch noch ein Halten kennen und den spinnerten Mann mit dem französisch klingenden Namen nicht exekutieren wollen, weil sie nicht genug Beweise haben.

Dabei redet keiner darüber, dass der Moussaoui-Prozess selbst ja eigentlich eine Farce war. Nicht, weil hier nicht mit rechtstaatlichen Mitteln vorgegangen worden wäre. Nein, das war (man muss schon fast anmerken ausnahmsweise) nicht das Problem.

Was stört im Bild des funktionierenden Systems, das hier einen potentiellen Massenmörder gerecht verurteilt hat:

Dem einzigen Mann, der in den USA wegen Beteiligung an den Anschlägen von 9/11 angeklagt wurde bleibt die Todesstrafe erspart. Das, nachdem die Entscheidungen, die die amerikanische Regierung unter dem Deckmantel des postseptembralen Antiterrorkampfs getroffen hat schon hunderte, je nachdem wie weit man Kausalitäten verknüpfen möchte auch tausende, Menschen das Leben gekostet haben. Unzählige weitere, wurden dabei, einer modernen High-Tech Erkenntnisgewinnungspraxis aus dem frühen Mittelalter sei Dank, zumindest psychologisch in freudianische Hysterie gestampft.

Zur Erinnerung: Keiner der auf Guantanamo Festgehaltenen, im Irak Gefallenen oder Gefolterten hatte, ginge man nach dem gern mal vergrabenen in dubio pro reo Grundsatz, etwas mit dem 11. September zu tun.

Da scheint dann das Rechtssystem, nach dessen Regeln es für den einzigen Mitstreiter von Atta & Co. dessen man habhaft wurde, nicht einmal für die Todesstrafe reichte wie ein idealisiertes Parallelmodell des wünschenswerten Amerika. Und das obwohl dem Vernehmen nach Moussaoui besser in eine Nervenheilanstalt als in den Hochsicherheitstrakt gehört hätte.

Es sind aber beileibe nicht nur die Amerikaner, die sich da mit einer überraschend umfassenden Ironiefreiheit um den Abbau des verteidigten Way of Life verdient machen. Aus Ländern nah und fern hört man ähnlich absurde Dinge im Namen des Kriegs gegen das Nomen der Woche. Es scheint, als böte der von Bush’scher Seite marketingmäßig superb geführte Kampf gegen den Terror jedem die Ausrede, um nach seiner Facon Grundrechte auszuhebeln.

Haben wir denn nicht langsam genug von der Konfliktrhetorik? Der globale Terrorismus mag eine substantielle Gefahr sein, aber ist er gefährlicher als AIDS, Überbevölkerung und Erderwärmung zusammen? Was ist denn das für eine selektive Pseudobedrohungsüberhöhung die da betrieben wird?

Man merkt, dass Amerika zum Guten wie zum Schlechten die Agenda bestimmt. Denn nur das, worüber geredet wird, ist wichtig.

Auch nach dem 11. September.

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