Techno-Nostalgie

Ein Geständnis; ich hätte nicht gedacht, dass mich so eine Nachricht nostalgisch werden lässt: Die Finnjet, dereinst größtes, schnellstes Passagierschiff der Welt, wird nächstes Jahr nicht mehr fahren.

Bild: Lars Kruse, FinnjetWeb.comBild: Lars Kruse, FinnjetWeb.com

Absehbar war das schon lange. Die Welt, in die das Schiff mitte der siebziger Jahre hineingebaut wurde, gibt es nicht mehr. Es war die gleiche, in der man anderswo eine überschallschnelle Concorde plante, und in der man noch durch einen Farbfernseher Status zeigen konnte. 1973, das Jahr, in dem der Bau der für damalige Verhältnisse riesigen Fähre – die Titanic war kaum 60 Meter länger – beschlossen wurde, ist das gleiche, in dem ein findiger Zukunftsdenker den Geldautomaten erfand, und in dem Watergate das erste Mal auf dem öffentlichen Radar auftauchte.

Angesichts der Ölkrise war der innovative Antrieb mit Gasturbinen (woher der Namensvorsatz G.T.S. kommt) schnell nicht mehr rentabel. Man behalf sich mit zusätzlichen Dieselmotoren für die langsame Fahrt. Über zwanzig Jahre lang, von 1977 bis 1998 bediente die Finnjet jene Route, für die sie gebaut wurde, von Travemünde nach Helsinki. Später wurde erst der deutsche Hafen nach Rostock verlegt und Talinn als Zwischenstopp angelaufen, dann schließlich Helsinki durch St. Petersburg ausgetauscht. Aber sie fuhr weiter.

Der besondere Charme des äußerlich nicht unbedingt eleganten Schiffs lag für den Mitfahrer nicht zuletzt in den zahlreichen kleinen Besonderheiten und Details des Erlebnisses Finnjet-Fahrt begründet. Das Wissen, so schnell unterwegs zu sein wie sonst kaum einer auf See, das Klirren der Flaschen im Duty-Free Shop, die Vibration des Decks bei voller Fahrt, die vielsprachigen Ansagen, untermalt von Francis Lais Kitschklassiker “Un homme et une femme”, Signaturstück der Silja Reederei, die das Schiff seit 1986 betrieb. Jedesmal schlug man sich am Skandinavischen Buffet den Bauch voll, umrundete das Deck mehrmals um sich in den Fahrtwind lehnen zu können, kaufte nützliche und sinnlose Dinge in den Geschäften. Einen Revell-Modellbausatz des Schiffs etwa, Kugelschreiber und Aufkleber, Bücher, Postkarten, finnische Designklassiker in Glas, billige Schlüsselanhänger und Stofftiere. Als Kind schaute man sich beim Abendessen die Tischnachbarn genau an, um sie dann während der restlichen Reise wieder aus der Menge herauspicken zu können. Das alles gehörte dazu, das alles blieb hängen.

Bild: Sami Koski, FinnjetWeb.comBild: Sami Koski, FinnjetWeb.com

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal ihre resonanten Metalltreppen ins Autodeck hinabstieg um kurz darauf an Land chauffiert zu werden. Zuletzt gesehen habe ich sie im Sommer 2003 bei der Einfahrt nach Helsinki, eine ihrer letzten. Jetzt liegt das gestrigtechnische Meisterwerk, noch 2004 frisch renoviert, als Hotelschiff in Louisiana und beherbergt Studenten der vom Hurrikan Katrina zerstörten LSU Medical School. Gerne wäre ich einmal auf diesem Schiff über den Atlantik gefahren. Nur knapp 30 Besatzungsmitglieder werden das von sich sagen können. Die Reederei ist in Geldnöten, und bevor das Schiff endgültig verkauft wird, liegt es nun im humanitären Einsatz in Baton Rouge. Was die Zukunft bereit hält, weiß noch niemand. Aber, egal ob sie nächstes Jahr in der Karibik kreuzt, wieder in die Ostsee zurück kommt, oder im Mittelmeer griechische Ferieninseln verbindet, eine Bitte hätte ich: Ändert nicht ihren Namen. Denn der ist Geschichte.

Die Finnjet in Baton Rouge. Bild: Ken Freeman, FinnJetweb.comDie Finnjet in Baton Rouge. Bild: Ken Freeman, FinnjetWeb.com

Irgendwo im Hafen von Baton Rouge wird demnächst wohl zum letzten Mal “Un homme et une femme” verhallen. Godspeed, alte Dame. Vielleicht bis irgendwann.

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