Mythen und Märchen

Auch wenn Hollywood in “Der Herr der Ringe” Neuseeland zum Elfen- und Zwergenreich macht, und “Harry Potter”-Verrückte über die Feinheiten des fiktiven Quidditch-Spiels und clever wortspielerischer Zaubersprüche streiten – das 21. Jahrhundert ist kein mystisches, viel weniger noch ein mythisches.

Das ausgehende 20. war es ebenfalls nicht. Und doch schickte sich da drei Jahre vor dem Jahrtausendwechsel ein Universum an, uns wieder nach Monstern unter dem Bett fahnden zu lassen und ein kalifornisches Mädchen mit übernatürlichen Kräften als vampirpfählende Heroine in die Populärkultur zu ziehen.

Die Rede ist, natürlich, von Joss Whedons “Buffyverse”, jener Welt von Dämonen, Hexen und Vampiren die der Drehbuchautor von “Alien 4” uns das erste Mal 1992 in einem mehr unfreiwillig komischen als sexy-witzigen Kinofilm (deutscher Titel “Buffy, die Vampirkillerin” – wörtlich übersetzt und trotzdem noch alberner als der Film selbst) vor Augen führte, und dann mit zwei Fernsehserien, “Buffy, the Vampire Slayer” und “Angel” ins kollektive Gedächtnis zementierte.

Whedons Leistung ist hierbei nicht nur das Wiederauflebenlassen von alten Sagen und Ängsten und die erschreckend natürlich wirkende Transponierung der Apokalypse in den Sonnenstaat an Amerikas Westküste, sondern mehr noch die gelebte Serialität seiner Serien.

Hier werden große Dramen zu Seifenopern, hier erleben wir Aristoteles und “Zeit der Sehnsucht”, Shakespeare und die “Coronation Street” in der gleichen Minute. Und alles ist erlaubt. Kein Publikumsliebling darf sich sicher sein nicht doch in der nächsten Folge ein jähes Ende zu finden oder mir nichts dir nichts zum Großen Bösen umfunktioniert in die neue Staffel zu starten.

Abgesehen von einem Gefühl für Dramatik, Sprache und die omnipräsente amerikanische Populärkultur wird hier ein gesundes Maß an Ambiguität verbreitet. Gut und Böse fangen an wie die weißen und die schwarzen Figure auf dem Schachbrett: als Armeen die gegeneinander antreten, als Gegenpole. Doch schnell läuft der erste Bauer über, ergeben sich Allianzen die man nie vermutet hätte oder zeigen sich Helden wo vorher Gegner waren.

Das ist alles nicht neu und wurde so oder ähnlich auch in der Mehrzahl aller Seifenopern durchgespielt, aber die Konsequenz mit der hier seriell erzählt werden darf ist doch beachtenswert. Vor allem, weil Whedon immer die Konsequenzen einer Handlung in den Vordergrund treten lässt. Keine böse Tat bleibt ungesühnt, die guten jedoch meist unbeachtet. In einer Staffel von “Angel” müssen die Helden gar den Weltfrieden verhindern – weil er der Menschheit gegen ihren Willen aufgezwungen werden soll. Dass die Verantwortliche dafür sich als ein Monster mit Madengesicht entpuppt, dass seine Verehrer auffrisst, hilft bei der Exkulpierung.

Sowas ist doch mal mythisch.

%d bloggers like this: