Altmodisch

Es gibt, sie noch, die überteuerten Lifestyle-Läden, die einem vorgaukeln wollen, früher sei alles besser gewesen. Wer dachte, die um sich greifende Sparnünftigkeit hätte inzwischen vollends die Notwendigkeit eliminiert, beim Balkonthermometer zu achten ein viertelmonatsgehaltteures Modell mit zehntelgradgenauer Analoganzeige zu erwerben, der wird bei Manufactum eines Besseren belehrt.

Zugegeben, ein faszinierendes Geschäft ist das schon. Hier stehen die letzten hergestellten Exemplare eines Kurbeltelefons der Deutschen Reichsbahn neben Bakelit-Drehschaltern denen selbst die ungestümen tausendfachen Schaltversuche nostalgisch weggeschwemmter Babyboomer (davon soll’s tatsächlich eine substanzielle Anzahl geben) nichts anhaben konnten, können und können werden.

Das ist das Prinzip der Erlebnisgastronomie aufs Einkaufen umgesetzt; man ist umgeben von Artikeln die aussehen, als hätte Kästners Fabian damals in der goldenen Zeit Berlins die Umverpackung entworfen. Dinge, die von möbliertern Herrn vor dem ersten Stelldichein mit dem Fräulein vom Amt in den Anzug pocketiert wurden. Ebenso jene, die sich eben diese vergötterte Dame neben den Badezimmerspiegel geleistet hat um den Herrn auch reichlich mit Duft und Farbe zu betören.

Kurzum – man fühlt sich etwa fünfzig bis hundert Jahre vergangen, wenn man hier unter den vielen durchaus gebrauchbaren, wenn auch im Vergleich zu ihren modernen Brüdern maßlos überteuerten und ungenaueren Messinstrumenten flaniert. En passant erhasche ich einen Blick auf den handgenähten Lederfußball der, so informiert geschriebenes Beiwerk, bis in die 70er Jahre hinein offizieller Wettberwerbsball in der Bundesliga war. Seine Ablösung durch einen meren Synthetikkollegen, verbreitet man hier, sei wohl nicht ganz zufällig das Ende der langen Flanke gewesen. Honni soit wär dabei denkt man wolle ihm den Pressluftlederballon bloß andrehen.

Am Ende verlasse ich die in bester Schicki-Meile gelegene Filiale mit 13,98 EUR weniger in der Tasche und dem guten Gefühl, sie in die billigste Zeitreise aller Zeiten investiert zu haben. Oh, und in eine Dose “Book Darts” Mini-Lesezeichen, geliefert in der Retro-Dose sowie den Dreisatz Stiftverlängerer und Bleistiftminenschoner, der es erst wert macht sich mit IKEA-Bleistiften einzudecken. Die sind modern – und ganz umsonst.

%d bloggers like this: